Kaum eine Wanderung im Vinschgau verbindet so viel Geschichte auf so wenigen Kilometern: Auf dieser leichten Rundtour am Eingang des Martelltals stehen gleich zwei Burgruinen, eine der schönsten Freskenkapellen Südtirols – und der Fundort einer der ältesten vollständigen Handschriften des Nibelungenliedes.
Von Morter zur Ruine Untermontani
Start ist im Dorfzentrum von Morter an der Bushaltestelle, einer Fraktion der Gemeinde Latsch am Tor zum Martelltal. Schon nach gut einem Kilometer erreicht man am Ortsrand die Ruine Untermontani, die kleinere der beiden Montani-Burgen. Sie steht auf demselben Felsrücken wie ihre große Schwester und gibt einen ersten Vorgeschmack auf das, was oben wartet.
Über St. Stephan zur Burg Obermontani
Vom Burghügel geht es in Serpentinen weiter bergauf. Kurz vor dem höchsten Punkt der Tour steht die unscheinbare Kapelle St. Stephan – von außen schlicht, innen ein Juwel: Der gesamte Innenraum ist mit Fresken aus dem 15. Jahrhundert ausgemalt, weshalb sie auch die „Sixtinische Kapelle Südtirols“ genannt wird. Die Kapelle ist in der Saison (etwa April bis Ende Oktober) freitags und samstags nachmittags gegen einen kleinen Eintritt geöffnet. Führungen organisiert Schloss Tirol auf Anfrage. Wer die Fresken sehen möchte, plant die Tour also am besten auf einen dieser Tage.
Rund 130 Meter östlich der Kapelle thront die Burg Obermontani auf einem Felsrücken hoch über der Plima – mit etwa 842 m der höchste Punkt der Runde. Die Burg wurde um 1228 unter Graf Albert III. von Tirol errichtet und war einst eine der bedeutendsten landesfürstlichen Burgen im mittleren Vinschgau. Charakteristisch ist die Ringmauer mit ihren Schwalbenschwanzzinnen. Seit 2009 gehört die Ruine dem Land Südtirol.
Der Nibelungen-Fund: Berühmt wurde Obermontani durch einen Bibliotheksfund – hier lag jahrhundertelang eine vollständige Pergamenthandschrift des Nibelungenliedes aus der Zeit um 1320. Der Benediktiner Beda Weber entdeckte sie und verkaufte sie in den 1830er-Jahren. Heute wird sie in der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrt (Handschrift I, in der Forschung Sigle J). Sie zählt zu den ältesten vollständigen Textzeugen des Epos – ein Stück Weltliteratur, gefunden auf einem Burgfelsen im Vinschgau.
Interessant ist der Weg, wie sie überhaupt ins Vinschgau kam: Sie gelangte in die Sammlung des Anton von Annenberg (1427–1483) auf Schloss Annenberg bei Latsch – wie genau, ist unbekannt. Nach dem Aussterben der Annenberger verlegten deren Erben, die Grafen von Mohr, die Bibliothek auf die Burg Obermontani nach Morter. Dort schlummerte sie dann bis zu Webers Fund.
Abstieg zum Latscher Bierkeller
Von Obermontani führt der Weg Nr. 5A hinunter zum Latscher Bierkeller – eine Einkehr mit Geschichte: Im Gebäude befand sich früher tatsächlich eine Brauerei, das Bier lagerte in Felshöhlen, aus denen das ganze Jahr über kalte Luft strömt. Heute ist der Bierkeller eine beliebte Jausenstation mit offenem Grill und der perfekte Platz für die Mittagsrast.
Nach Latsch und durch die Obstwiesen zurück
Vom Bierkeller wandert man auf angenehmen Wald- und Wiesenwegen am Hangfuß talauswärts bis nach Latsch (642 m, tiefster Punkt der Tour). Das Dorfzentrum lädt zu einer zweiten Pause oder einem Eis ein. Der Rückweg verläuft dann gemütlich durch die weiten Obstwiesen des Vinschgaus über Goldrain zurück nach Morter – im Frühjahr zur Apfelblüte ein Traum, im Hochsommer angenehm durch die Bewässerungskanäle und schattigen Abschnitte.












